Keoma (Special Edition, 4K-UHD + 2 Blu-rays + CD)
Keoma (Special Edition, 4K-UHD + 2 Blu-rays + CD)
Keoma (Special Edition, 4K-UHD + 2 Blu-rays + CD) (Shop exkl.)
Italien 1970
Regisseur: Enzo G. Castellari
Darsteller: Franco Nero, William Berger, Woody Strode
Bildformat: 2.35:1
Filmlänge: ca. 101 Minuten
Sprachen: Deutsch, Englisch, Italienisch
Tonformat: DTS-HD Master Audio 2.0
Untertitel: Deutsch
PLAION PICTURES
Es gibt Filme, die ein Genre begründen, andere führen es zu seinem Höhepunkt – und einige setzen einen würdigen Schlusspunkt. Keoma gehört für mich eindeutig zur letzten Kategorie. Als Enzo G. Castellari den Film 1976 drehte, war die große Zeit des Italowesterns praktisch vorbei. Sergio Leones große Western lagen Jahre zurück, ebenso die wichtigsten Arbeiten von Sergio Corbucci und Sergio Sollima. Das Genre war zunehmend in Richtung Komödie und Selbstparodie abgedriftet. Ausgerechnet in dieser Phase entstand mit Keoma noch einmal ein ernsthafter, düsterer und erstaunlich eigenständiger Western. Heute gilt er völlig zu Recht als einer der letzten bedeutenden Vertreter des klassischen Italowesterns.
Keoma, ein Halbblut und ehemaliger Soldat des amerikanischen Bürgerkriegs, kehrt nach Jahren in seine Heimat zurück. Doch dort ist nichts mehr so, wie er es in Erinnerung hat. Eine Seuche hat die Gegend fest im Griff, während der skrupellose Caldwell und seine Männer die Situation ausnutzen und die Stadt terrorisieren. Erkrankte werden fortgeschafft und ihrem Schicksal überlassen. Als Keoma eine schwangere Frau aus den Händen von Caldwells Männern befreit, mischt er sich in einen Konflikt ein, dem er eigentlich aus dem Weg gehen wollte.
Auch die Rückkehr zur eigenen Familie bringt keinen Frieden. Sein alter Vater Shannon freut sich über Keomas Heimkehr, doch dessen drei Halbbrüder haben sich Caldwell angeschlossen. Ihre Abneigung gegen Keoma reicht bis in die gemeinsame Kindheit zurück. Unterstützung findet er dagegen bei George, einem ehemaligen Sklaven und alten Freund der Familie, eindrucksvoll gespielt von Woody Strode. Aus dem Kampf gegen Caldwell entwickelt sich so zunehmend eine persönliche Auseinandersetzung mit Keomas eigener Vergangenheit.
Castellari macht daraus allerdings keinen gewöhnlichen Rachewestern. Keoma kämpft nicht einfach gegen den nächsten Bösewicht. Freiheit, Tod, Schuld, Rassismus und die Frage, ob ein Mensch seinem vorbestimmten Schicksal entkommen kann, ziehen sich durch den gesamten Film. Die geheimnisvolle alte Frau, die Keoma immer wieder begegnet, verstärkt diesen beinahe mystischen Charakter. Sie lässt sich als Verkörperung des Todes oder des Schicksals verstehen und begleitet Keoma wie ein Schatten.
Besonders ungewöhnlich sind die Rückblenden. Castellari trennt Vergangenheit und Gegenwart nicht immer durch klassische Schnitte. Der erwachsene Keoma befindet sich teilweise gemeinsam mit seinem jüngeren Ich im Bild und wird so zum Beobachter seiner eigenen Erinnerungen. Diese Szenen wirken noch heute erstaunlich modern.
Franco Nero liefert dabei eine seiner besten Westernrollen ab. Zehn Jahre nach Django ist er hier nicht mehr der jugendliche Revolverheld. Sein Keoma wirkt müde, schmutzig und vom Leben gezeichnet. Nero braucht häufig kaum Dialoge. Haltung, Gesicht und Blicke erzählen genug. Keoma ist zudem keineswegs unverwundbar. Er wird geschlagen und gedemütigt und muss sich immer wieder aufrichten.
William Berger als sein Vater und vor allem Woody Strode als George ergänzen Nero hervorragend. Strode besitzt allein durch seine Erscheinung eine enorme Präsenz. Gleichzeitig verbindet George mit Keoma die Erfahrung, aufgrund seiner Herkunft von anderen Menschen ausgegrenzt zu werden.
Auch optisch unterscheidet sich Keoma von vielen Italowestern seiner Zeit. Die Welt wirkt beinahe tot. Schlamm, kahle Bäume, heruntergekommene Gebäude und kranke Menschen bestimmen das Bild. Der Bürgerkrieg ist beendet, aber Frieden hat er offensichtlich nicht gebracht. Castellari arbeitet mit Zeitlupe, ungewöhnlichen Kameraperspektiven und Parallelmontagen. Der Einfluss Sam Peckinpahs ist dabei unverkennbar, ohne dass Castellari ihn lediglich kopiert.
Gerade deshalb besitzt Keoma eine besondere Bedeutung innerhalb des Genres. 1976 war der große Italowestern im Grunde bereits Geschichte. Castellari versuchte nicht, einfach noch einmal einen Film wie zehn Jahre zuvor zu drehen. Stattdessen schuf er einen melancholischen Abgesang auf das Genre. Keoma selbst wirkt wie ein Mann, der aus einer vergangenen Epoche übrig geblieben ist. Er kehrt nach Hause zurück und stellt fest, dass die Welt, die er kannte, nicht mehr existiert. Darin kann man durchaus ein Spiegelbild des Italowesterns selbst erkennen.
Untrennbar mit dem Film verbunden ist die außergewöhnliche Musik von Guido und Maurizio De Angelis. Der Gesang von Sybil und Guy kommentiert teilweise direkt das Geschehen und macht aus dem Film stellenweise eine düstere Westernballade. Das ist sicherlich Geschmackssache. Gerade der Gesang dürfte auch weiterhin Zuschauer in zwei Lager teilen. Für mich gehört diese Musik jedoch inzwischen fest zu Keoma. Man erkennt den Film nach wenigen Sekunden und verwechselt diesen Soundtrack garantiert mit keinem Morricone-Western.
Sehr gespannt sein durfte man natürlich auf die neue 4K-Präsentation. Gerade Keoma lebt von seinen Gesichtern, Landschaften, dem Schmutz und seiner rauen Fotografie. Eine aggressive digitale Bearbeitung wäre hier völlig fehl am Platz.
Die UHD lässt den Film weiterhin wie einen analogen Kinofilm der 1970er-Jahre aussehen. Das Filmkorn gehört dazu und darf sichtbar bleiben. Gerade das ist wichtig, denn ein glattgefilterter Keoma würde einen erheblichen Teil seiner Atmosphäre verlieren. Die höhere Auflösung arbeitet stattdessen die vorhandenen Details des Materials besser heraus.
Besonders Gesichter profitieren. Hautstrukturen, Haare, Neros Bart, die verschmutzten Kostüme und zahlreiche kleine Einzelheiten treten klarer hervor. Auch in Totalen gewinnt das Bild an Feinzeichnung. Landschaften, Gebäude und Hintergründe wirken differenzierter als bei älteren HD-Präsentationen.
Die Farbgebung bleibt passend zurückhaltend. Erdige Braun-, Grau- und Ockertöne dominieren. Keoma soll nicht bunt oder besonders brillant aussehen. Die ausgedörrte, kranke Welt gehört zum visuellen Konzept. Auch dunklere Szenen profitieren von besseren Abstufungen, ohne dass die düstere Fotografie aufgehellt oder ihres Charakters beraubt wird.
Natürlich darf man bei einem italienischen Genrefilm aus den 1970er-Jahren keine sterile Referenzschärfe einer aktuellen Digitalproduktion erwarten. Das Ausgangsmaterial und die verwendete Optik sorgen immer wieder für unterschiedlich scharfe Einstellungen. Entscheidend ist vielmehr, dass die UHD das vorhandene Filmmaterial überzeugend und natürlich wiedergibt.
Gerade deshalb gefällt mir diese 4K-Umsetzung. Sie versucht nicht, Keoma künstlich modern aussehen zu lassen, sondern bewahrt seinen filmischen Charakter. Für einen fast 50 Jahre alten Italowestern ist genau das der richtige Ansatz.
Die Tonspuren liegen in Deutsch, Englisch und Italienisch als DTS-HD Master Audio 2.0 vor. Eine künstlich erzeugte Surroundabmischung braucht dieser Film nicht. Die Dialoge sind gut verständlich, Schüsse besitzen den notwendigen Nachdruck und der ungewöhnliche Soundtrack der De-Angelis-Brüder kommt kraftvoll zur Geltung. Die typische Nachsynchronisation italienischer Produktionen dieser Zeit bleibt natürlich hörbar und gehört ebenfalls zum Charakter des Films.
Besonders erfreulich ist, dass PLAION nicht nur eine Filmfassung berücksichtigt. Enthalten sind die ungekürzte Fassung und die längstmögliche deutsche Filmfassung. Gerade für Sammler ist das interessant, weil dadurch auch ein Teil der deutschen Veröffentlichungsgeschichte dokumentiert wird. Ältere Italowestern wurden hierzulande schließlich häufig gekürzt oder in unterschiedlichen Fassungen ausgewertet.
Beim Bonusmaterial kann man die Veröffentlichung beinahe schon als kleines Keoma-Archiv betrachten. Allein die beiden Audiokommentare bieten unterschiedliche Perspektiven. Troy Howarth und Eugenio Ercolani beschäftigen sich ausführlich mit dem Film und seinem historischen Umfeld, während der zweite Kommentar mit Enzo G. Castellari und Waylon Wahl natürlich besonders wegen Castellaris persönlichen Erinnerungen interessant ist.
Sehr sehenswert ist das rund 42-minütige Interview Bittersweet Onions mit Guido und Maurizio De Angelis. Da der Soundtrack einen so großen Anteil an der Identität des Films besitzt, ist dieser Beitrag weit mehr als gewöhnliches Bonusmaterial.
Auch Franco Nero kommt ausführlich zu Wort. The Ballad of Keoma bietet rund 22 Minuten mit dem Hauptdarsteller, während Keoma: Legends Never Die noch einmal weitere Erinnerungen Neros enthält. Besonders schön ist außerdem Face to Face, in dem Franco Nero und Enzo G. Castellari gemeinsam auf den Film zurückblicken.
Castellari selbst erhält mit Ashes to Ashes, Dust to Dust einen rund 29-minütigen Beitrag. Luigi Montefiori alias George Eastman spricht in Writing Keoma über die Entstehung des Drehbuchs. Cutter Gianfranco Amicucci erläutert in Parallel Actions seine Arbeit, während Massimo Vanni und Wolfango Soldati weitere Einblicke in die Produktion liefern.
Hinzu kommen Die Legende Keoma mit Mitgliedern des Filmteams, weitere Interviews, Trailer und Bildergalerie. Damit kommt bereits eine beträchtliche Menge an Filmmaterial zusammen.
Doch auch damit ist die Edition noch nicht komplett. Die Bonus-CD enthält den erweiterten Soundtrack, dazu gibt es ein 36-seitiges Booklet mit Texten von Marco Koch und Lars Johansen sowie Artcards und ein Poster. Gerade die Soundtrack-CD ist angesichts der Bedeutung der Musik für diesen Film eine hervorragende Ergänzung.
PLAION veröffentlicht hier also nicht einfach Keoma auf UHD, sondern widmet dem Film eine Edition, die seinem Stellenwert innerhalb des Italowesterns gerecht wird.
Keoma ist für mich auch fast 50 Jahre später einer der letzten großen Höhepunkte des Genres. Castellari schuf keinen nostalgischen Aufguss früherer Erfolge, sondern einen ungewöhnlichen, melancholischen und teilweise experimentellen Western über Tod, Freiheit und eine Welt, die ihrem Ende entgegengeht.
Franco Nero liefert eine seiner besten Leistungen ab, Woody Strode und William Berger sind hervorragend besetzt, und Castellaris Inszenierung verbindet die Tradition des Italowesterns mit Einflüssen Peckinpahs und einer ganz eigenen Bildsprache. Selbst der eigenwillige Soundtrack trägt entscheidend dazu bei, dass Keoma unverwechselbar geblieben ist.
Die 4K UHD bewahrt dabei den analogen Charakter des Films und arbeitet gleichzeitig sichtbar mehr aus dem Material heraus. In Verbindung mit den beiden Filmfassungen, zwei Audiokommentaren, den zahlreichen Interviews und Dokumentationen, der Soundtrack-CD, dem umfangreichen Booklet, Artcards und Poster entsteht eine Veröffentlichung, die tatsächlich den Namen Special Edition verdient.
Keoma kam zu einer Zeit, als der Italowestern eigentlich bereits am Ende angekommen war. Vielleicht ist der Film gerade deshalb so gut. Er versucht nicht mehr, eine neue Ära einzuleiten. Er blickt auf das Genre zurück und verabschiedet es mit Dreck, Gewalt, Melancholie und einem letzten großen Revolverhelden.
Für mich bleibt Keoma deshalb nicht einfach einer der letzten Italowestern, sondern einer der letzten wirklich großen Italowestern überhaupt – ein würdiger, düsterer Abgesang auf eine der faszinierendsten Epochen des europäischen Genrekinos.
EXTRAS
Zwei Filmfassungen: Uncut & längstmögliche Deutsche Filmfassung
Audiokommentar mit den Filmexperten Troy Howarth und Eugenio Ercolani
Audiokommentar mit Regisseur Enzo G. Castellari und Journalist Waylon Wahl
Bittersweet Onions – Interview mit Guido und Maurizio De Angelis (ca. 42 Minuten)
Enzo’s Squire – Interview mit Schauspieler und Stuntman Massimo Vanni (ca. 14 Minuten)
The Ballad of Keoma – Interview mit Franco Nero (ca. 22 Minuten)
Ashes to Ashes, Dust to Dust – Interview mit Regisseur Enzo G. Castellari (ca. 29 Minuten)
Writing Keoma – Interview mit Schauspieler und Drehbuchautor Luigi Montefiori AKA George Eastman (ca. 16 Minuten)
Parallel Actions – Interview mit Cutter Gianfranco Amicucci (ca. 22 Minuten)
The Flying Thug – Interview mit Schauspieler und Stuntman Massimo Vanni (ca. 24 Minuten)
Play as an Actor – Interview mit Schauspieler Wolfango Soldati (ca. 30 Minuten)
Face to Face – Ein Treffen mit Franco Nero und Enzo G. Castellari (ca. 30 Minuten)
Die Legende „Keoma“ – Interview mit dem Filmteam (ca. 37 Minuten)
„Keoma“: Legends never die – Interview mit Franco Nero (ca. 10 Minuten)
Trailer
Bildergalerie
Bonus-CD mit dem erweiterten Soundtrack
36-seitiges Booklet mit Texten von Marco Koch und Lars Johansen
Artcards
Poster