Blood Brothers Mother

Blood Brothers Mother
Szenario: Brian Azzarello
Zeichnungen: Eduardo Risso
Seitenzahl: 224
Preis: 34,80 Euro
ISBN: 978-3-96582-244-3
Schreiber & Leser

Brian Azzarello und Eduardo Risso verlegen ihre Vorliebe für Gewalt, Schuld und moralisch zweifelhafte Figuren in den amerikanischen Westen. Blood Brothers Mother ist dabei weniger ein klassischer Western als ein düsteres Familiendrama, in dem eine Entführung nach und nach Geheimnisse aus der Vergangenheit freilegt.

Im Mittelpunkt stehen die Brüder Daniel, Simon und Jack, genannt Rabbit. Ihr bisheriges Leben wird zerstört, als eines Nachts drei Männer auftauchen, ihre Mutter mitnehmen und Reverend Jon Blood, den Ziehvater der Jungen, erschießen. Daniel, Simon und Rabbit machen sich daraufhin auf die Suche nach ihr.

Was zunächst nach einer geradlinigen Rettungsgeschichte aussieht, wird schnell komplizierter. Die Entführung scheint kein zufälliges Verbrechen zu sein. Zwischen der Mutter und den Männern bestehen Verbindungen, von denen ihre Söhne nichts wissen. Damit verändert sich auch das Ziel ihrer Reise. Die Jungen wollen nicht mehr nur herausfinden, wo ihre Mutter ist, sondern müssen erkennen, dass sie über deren Vergangenheit weit weniger wissen, als sie glaubten.

Azzarello enthüllt diese Zusammenhänge nur schrittweise. Gespräche liefern selten vollständige Antworten, manche Figuren lügen, andere verschweigen entscheidende Dinge. So entsteht neben der eigentlichen Verfolgung eine zweite Handlungsebene, auf der die Geschichte der Familie Blood Stück für Stück sichtbar wird.

Besonders gut funktioniert dabei die Dynamik zwischen den Brüdern. Daniel, Simon und Rabbit erleben dieselben Ereignisse, reagieren aber unterschiedlich darauf. Sie müssen Verantwortung übernehmen, obwohl sie dafür eigentlich viel zu jung sind. Azzarello macht aus ihnen keine kleinen Revolverhelden. Angst, Unsicherheit und Überforderung bleiben spürbar, selbst wenn sie zunehmend lernen, sich in dieser brutalen Umgebung zu behaupten.

Der Tod von Reverend Jon Blood ist deshalb mehr als nur der Auslöser der Handlung. Mit ihm verlieren die Jungen nicht nur ihren Beschützer, sondern auch den Menschen, der viele ihrer Fragen hätte beantworten können. Nun müssen sie selbst herausfinden, was vor ihrer Geburt geschehen ist und warum die Vergangenheit ihrer Familie sie plötzlich einholt.

Ihre Reise führt durch ein Texas, in dem Gewalt zum Alltag gehört. Das Gesetz bietet wenig Sicherheit, und bei den Menschen, denen die Brüder begegnen, ist selten sofort erkennbar, ob sie Freund oder Feind sind. Azzarello verzichtet auf die romantische Vorstellung vom Wilden Westen. Seine Figuren handeln aus Eigennutz, Angst, Rache oder alten Verpflichtungen, und ein Revolver ist häufig das einfachste Mittel, einen Konflikt zu beenden.

Dadurch rückt zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, was Eltern ihren Kindern hinterlassen. Daniel, Simon und Rabbit müssen mit den Folgen von Entscheidungen leben, an denen sie selbst keinen Anteil hatten. Die Vergangenheit der Erwachsenen wird zur Last der nächsten Generation.

Auch das Bild ihrer Mutter verändert sich. Zu Beginn ist sie für die Jungen selbstverständlich das Opfer, das gerettet werden muss. Doch je mehr sie erfahren, desto weniger lässt sie sich auf diese Rolle reduzieren. Ihre Vergangenheit ist eng mit den Ereignissen verbunden, und damit wird aus der Frage „Wo ist unsere Mutter?“ zunehmend die wesentlich interessantere Frage: „Wer ist unsere Mutter eigentlich?“

Diese Entwicklung gibt Blood Brothers Mother seine stärksten Momente. Hinter der Westernhandlung steckt eine Geschichte über Herkunft, Familie und die Weitergabe von Schuld. Die Brüder suchen einen Menschen und entdecken dabei Dinge über ihre eigene Familie, die ihnen bislang verborgen geblieben sind.

Eduardo Risso ist für diesen Stoff nahezu ideal. Sein kantiger, stark von Licht und Schatten bestimmter Stil passt hervorragend zu Azzarellos Westernwelt. Er braucht nur wenige Linien, um seinen Figuren Persönlichkeit zu geben, und besonders bei den drei Jungen gelingt es ihm, deren Jugend sichtbar zu halten. Sie wirken nie wie verkleinerte Erwachsene.

Risso versteht es außerdem hervorragend, Gewalt vorzubereiten. Ein Blick, eine veränderte Körperhaltung oder eine Hand in der Nähe eines Revolvers reichen aus, um eine Szene bedrohlich werden zu lassen. Wenn geschossen wird, geschieht das meist schnell und ohne heroische Inszenierung. Gerade dadurch wirken die Gewaltausbrüche unangenehm direkt.
Ebenso wichtig sind die Landschaften. Menschen und Pferde erscheinen klein vor der Weite des Landes, während dunkle Innenräume mit kräftigen Schwarzflächen beinahe klaustrophobisch wirken. Hitze, Staub und Einsamkeit bestimmen die Atmosphäre. Dieses Texas ist kein romantischer Abenteuerspielplatz, sondern eine Umgebung, in der die drei Brüder jederzeit auf sich allein gestellt sein können.

Azzarello und Risso ergänzen sich dabei wie gewohnt hervorragend. Azzarello muss Gefühle und Konflikte nicht ausführlich erklären, weil Risso sie über Gesichter, Gesten und Bildkompositionen vermittelt. Umgekehrt geben Azzarellos knappe, häufig doppeldeutige Dialoge den Bildern zusätzliche Spannung.

Blood Brothers Mother ist damit ein harter Western, dessen eigentlicher Kern eine Familiengeschichte ist. Die Suche von Daniel, Simon und Rabbit nach ihrer Mutter führt sie immer tiefer in eine Vergangenheit, von der sie bislang nichts wussten. Dabei geht es weniger darum, wer am Ende schneller zieht, sondern darum, was die Jungen über ihre Familie erfahren und was diese Erkenntnisse mit ihnen machen.

Gerade diese Verbindung aus Western, Familiendrama und Geheimnis funktioniert für mich sehr gut. Azzarello erzählt von drei Brüdern, die viel zu früh erfahren müssen, dass die Fehler der Erwachsenen nicht mit ihnen verschwinden. Risso gibt dieser Geschichte mit seinen Schatten, weiten Landschaften und abrupten Gewaltausbrüchen genau das richtige Gesicht.

Blood Brothers Mother bietet damit weit mehr als eine Jagd nach drei Entführern. Die Suche nach der Mutter wird zur Suche nach der eigenen Herkunft – und je näher Daniel, Simon und Rabbit der Wahrheit kommen, desto deutlicher wird, dass ihre Geschichte lange vor jener Nacht begonnen hat, in der Reverend Jon Blood erschossen wurde.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website um diese laufend für Sie zu verbessern. Mehr erfahren