The Devil in the Smiling Woods
The Devil in the Smiling Woods
von Jacopo Starace
16 x 24 cm | SC | 4c | ca. 144 S. | € 22,—
ISBN 978-3-98666-909-6
Cross Cult
Eine abgelegene amerikanische Kleinstadt, ein undurchdringlicher Wald, mysteriöse Vermisstenfälle und eine Gruppe Jugendlicher, die einem unheimlichen Geheimnis auf die Spur kommt – das sind Zutaten, aus denen Stephen King einige seiner besten Geschichten geschaffen hat. Auch Jacopo Starace bedient sich in „The Devil in the Smiling Woods“ dieser vertrauten Motive und verbindet sie zu einer atmosphärisch dichten Mischung aus Mystery, Horror und Coming-of-Age-Abenteuer. Dabei erinnert seine Graphic Novel nicht nur an Kings „Es“ und „Stand by Me“, sondern auch an Fernsehserien wie „Stranger Things“ und „Twin Peaks“. Dennoch besitzt die Geschichte genügend eigene Ideen, um mehr als eine bloße Verbeugung vor diesen Vorbildern zu sein.
Schauplatz ist die amerikanische Kleinstadt Emmanuel Parish, deren Bewohner noch immer unter den Folgen eines rätselhaften Ereignisses leiden. Zwei Jahre zuvor verschwanden 35 Menschen unter ungeklärten Umständen. Was damals tatsächlich geschah, wurde niemals vollständig aufgeklärt, und die Ereignisse haben tiefe Spuren innerhalb der Gemeinschaft hinterlassen. Als sich erneut beunruhigende Vorfälle ereignen, beginnen mehrere Jugendliche, eigene Nachforschungen anzustellen. Ihre Suche führt sie immer tiefer in die Geheimnisse der Stadt und schließlich in die umliegenden Wälder, über denen eine kaum greifbare Bedrohung zu liegen scheint. Unterstützung erhalten sie von einem geheimnisvollen Außenseiter und einem Polizisten, der längst das Vertrauen in die offiziellen Ermittlungen verloren hat.
Je weiter die jungen Ermittler vordringen, desto deutlicher wird, dass die rätselhaften Ereignisse eng mit der Vergangenheit von Emmanuel Parish verbunden sind. Die örtliche Bergbauindustrie, wirtschaftliche Interessen und die Machenschaften einflussreicher Persönlichkeiten spielen dabei eine entscheidende Rolle. Hinter der scheinbar friedlichen Fassade der Kleinstadt verbirgt sich ein Geflecht aus verdrängter Schuld, Geheimnissen und einer Bedrohung, die möglicherweise weit älter ist als die Stadt selbst.
Starace versteht es geschickt, die vertraute Geschichte einer jugendlichen Außenseitergruppe mit gesellschaftlichen Themen zu verbinden. Im Mittelpunkt steht nicht ausschließlich die Frage, welche unheimliche Macht in den Wäldern lauert, sondern auch, welche Verantwortung eine Gemeinschaft für die Verfehlungen ihrer Vergangenheit trägt. Der Raubbau an der Natur, die Macht großer Unternehmen und die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten zugunsten wirtschaftlicher Vorteile zu verdrängen, verleihen der Handlung eine zusätzliche Ebene. Das Übernatürliche erscheint dabei beinahe als unausweichliche Konsequenz menschlichen Handelns.
Besonders gelungen ist die Atmosphäre. Emmanuel Parish wirkt wie eine jener amerikanischen Kleinstädte, in denen jeder jeden kennt und dennoch niemand wirklich weiß, was hinter den verschlossenen Türen der Nachbarn vor sich geht. Starace entwickelt seine Geschichte mit einem ausgeprägten Gespür für unterschwellige Bedrohungen. Nicht jede unheimliche Erscheinung wird sofort erklärt, und gerade das Ungewisse sorgt dafür, dass sich die Spannung zunehmend verdichtet. Der Wald wird dabei zu weit mehr als einer bloßen Kulisse. Er erscheint als eigenständiger, beinahe lebendiger Organismus, dessen Geheimnisse untrennbar mit dem Schicksal der Bewohner verbunden sind.
Auch zeichnerisch besitzt „The Devil in the Smiling Woods“ einen hohen Wiedererkennungswert. Starace verwendet einen eigenwilligen, stark stilisierten Zeichenstil, bei dem die Gesichter seiner Figuren bewusst vereinfacht und teilweise beinahe maskenhaft wirken. Besonders auffällig sind die ungewöhnlichen Proportionen und die reduzierte Darstellung einzelner Gesichtspartien. Das mag zunächst etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen, unterstützt aber die befremdliche Atmosphäre der Geschichte. Einen besonderen Reiz entwickelt die sorgfältige Farbgestaltung. Kalte Grün- und Blautöne wechseln mit warmen, teilweise geradezu giftig wirkenden Gelb- und Orangeschattierungen. Dadurch entsteht eine Bildsprache, in der selbst scheinbar harmlose Landschaften etwas Unheilvolles ausstrahlen.
Die aufwendig gestalteten Hintergründe und die teilweise ungewöhnlichen Perspektiven verleihen den Zeichnungen eine bemerkenswerte räumliche Tiefe. Gerade die Szenen in den Wäldern und unterirdischen Anlagen profitieren von dieser Gestaltung. Starace versteht es, Licht und Schatten gezielt einzusetzen und den Blick des Lesers durch seine Panels zu führen. Manche Sequenzen wirken beinahe wie Einstellungen aus einem sorgfältig komponierten Horrorfilm. Dabei entsteht die Spannung häufig weniger durch spektakuläre Schockeffekte als durch das, was außerhalb des sichtbaren Bildausschnitts vermutet werden muss.
Ganz ohne Schwächen bleibt die Erzählung allerdings nicht. Die zahlreichen Figuren und die vergleichsweise knappe Seitenzahl führen dazu, dass nicht alle Charaktere die notwendige Tiefe erhalten. Manche Entwicklungen wirken etwas vorhersehbar, und erfahrene Leser des Mysterygenres dürften verschiedene Zusammenhänge bereits früh erahnen. Auch die deutlichen Anleihen bei bekannten Vorbildern lassen sich kaum übersehen. Allerdings gelingt es Starace, diese Einflüsse mit seiner eigenständigen visuellen Gestaltung und der ökologischen Thematik zu einer durchaus reizvollen Mischung zu verbinden.
Cross Cult veröffentlicht die rund 144 Seiten umfassende Geschichte als farbiges Softcover im handlichen Format von 16 × 24 Zentimetern. Für 22 Euro erhält man eine in sich abgeschlossene Mysterygeschichte, die sich insbesondere an Leser richtet, die atmosphärischen Horror gegenüber reinen Schockeffekten bevorzugen. Die kompakte Erzählweise sorgt für ein angenehmes Lesetempo, auch wenn man sich an manchen Stellen etwas mehr Raum für die Figuren und ihre Beziehungen gewünscht hätte.
„The Devil in the Smiling Woods“ ist eine gelungene Mischung aus nostalgischem Jugendabenteuer, übernatürlichem Thriller und gesellschaftskritischer Horrorgeschichte. Jacopo Starace erfindet das Genre nicht neu, beweist aber ein bemerkenswertes Gespür für Stimmung, Bildkomposition und die Verbindung vertrauter Motive mit zeitgemäßen Themen. Vor allem seine eigenwilligen Zeichnungen und die bedrohliche Atmosphäre machen den Band zu einer interessanten Entdeckung. Wer mit Stephen King, „Stranger Things“ oder den geheimnisvollen Kleinstadtgeschichten von David Lynch etwas anfangen kann, dürfte auch an diesem Ausflug in die düsteren Wälder von Emmanuel Parish seine Freude haben.