Gung Ho Gesamtausgabe
Gung Ho - Tanaka
Gung Ho - Tanaka
Autoren: Von Eckartsberg, Benjamin
Illustrator: Chaiko
Format: 24x32
Seitenanzahl: 80
ISBN: 978-3-98666-851-8
Cross Cult
Gern. Ich würde hier auch darauf eingehen, dass Tanaka das Universum von Gung Ho erweitert, aber zeichnerisch mit Chaiko bewusst einen anderen We
Mit Gung Ho – Tanaka kehrt Benjamin von Eckartsberg in die postapokalyptische Welt seiner Erfolgsserie zurück. Nach dem Abschluss der ursprünglichen Gung-Ho-Saga ist das eine erfreuliche Rückkehr, denn diese Welt bot von Anfang an genügend Raum für weitere Geschichten. Statt einfach die bekannte Handlung fortzusetzen, richtet von Eckartsberg den Blick diesmal auf eine andere Figur und erweitert damit das Gesamtbild.
Im Mittelpunkt steht Tanaka, den Leser der Hauptserie bereits kennen. Der neue Band gibt ihm den notwendigen Raum, um aus dem Schatten der bisherigen Hauptfiguren herauszutreten und seine eigene Geschichte zu erzählen. Dabei bleibt die Welt dieselbe: Die menschliche Zivilisation ist nach der sogenannten Weißen Plage weitgehend zusammengebrochen, außerhalb befestigter Siedlungen lauern die Rippers, und das Überleben hängt von Regeln, Disziplin und manchmal schlicht vom Glück ab.
Gerade dieses Szenario war für mich immer eine der großen Stärken von Gung Ho. Von Eckartsberg erklärte nie jedes Detail der Katastrophe bis ins Letzte. Stattdessen lernten wir diese Welt gemeinsam mit den Figuren kennen. Was außerhalb der sicheren Zonen geschieht, bleibt gefährlich und teilweise geheimnisvoll. Tanaka greift dieses Prinzip wieder auf und zeigt gleichzeitig, dass die bekannte Kolonie eben nur ein kleiner Ausschnitt dieser zerstörten Welt war.
Der Band beschäftigt sich stärker mit Tanakas Hintergrund und seinem persönlichen Weg. Dadurch werden Ereignisse und Zusammenhänge, die man aus Gung Ho kennt, aus einer anderen Perspektive betrachtet. Das funktioniert besonders gut, wenn man die Hauptserie gelesen hat. Kleine Verbindungen bekommen plötzlich mehr Gewicht, während Tanaka als Figur deutlich an Profil gewinnt.
Von Eckartsberg bleibt dabei seiner Stärke treu, die postapokalyptische Handlung nicht ausschließlich über Monster und Action zu definieren. Die Rippers sind eine permanente Bedrohung, aber mindestens ebenso wichtig sind die Menschen selbst. In einer Welt, in der gesellschaftliche Strukturen weitgehend zusammengebrochen sind, entstehen neue Regeln und Machtverhältnisse. Vertrauen wird zu einem Luxus, während jede falsche Entscheidung tödliche Folgen haben kann.
Gerade Tanaka passt hervorragend in dieses Umfeld. Er ist keine Figur, die sich durch lange Erklärungen definiert. Vieles erschließt sich durch sein Verhalten, seine Entscheidungen und seine Reaktionen auf andere Menschen. Das verleiht der Geschichte eine angenehm direkte Erzählweise.
Natürlich fällt beim ersten Aufschlagen sofort eine große Veränderung auf: Thomas von Kummant zeichnet diesen Band nicht.
Das ist zunächst gewöhnungsbedürftig. Von Kummants unverwechselbare Bilder haben das Erscheinungsbild von Gung Ho entscheidend geprägt. Seine Verbindung aus digitaler Malerei, kräftigen Farben und teilweise beinahe filmischer Lichtsetzung gehörte für mich zu den größten Stärken der Hauptserie.
Mit Chaiko übernimmt nun ein Zeichner, der gar nicht erst versucht, diesen Stil zu kopieren. Und das ist die richtige Entscheidung.
Chaikos Zeichnungen besitzen eine eigene Handschrift. Seine Figuren und Landschaften wirken stärker klassisch gezeichnet, teilweise rauer und unmittelbarer. Gerade für Tanakas Geschichte funktioniert das ausgesprochen gut. Nach einigen Seiten akzeptiert man den Wechsel nicht nur, sondern erkennt, dass die andere Perspektive auf diese Welt auch einen anderen visuellen Ansatz verträgt.
Besonders gelungen sind die Landschaften und die Darstellung der zerstörten Umgebung. Im großen 24 × 32 cm Format können sich die Zeichnungen hervorragend entfalten. Weite Einstellungen vermitteln ein gutes Gefühl dafür, wie klein und verletzlich die Menschen in dieser Welt geworden sind. Ruinen, Vegetation und verlassene Orte erzählen dabei häufig ihre eigenen kleinen Geschichten.
Auch die Actionszenen funktionieren sehr gut. Chaiko inszeniert Bewegung klar und dynamisch, ohne dass die Seiten unübersichtlich werden. Wenn die Gefahr plötzlich hereinbricht, kann sich das Tempo innerhalb weniger Panels deutlich verändern. Gerade Begegnungen mit den Rippers profitieren davon.
Dabei bleibt genügend Platz für ruhigere Szenen. Das ist wichtig, denn Gung Ho funktionierte schon immer am besten, wenn sich Action und Figurenentwicklung abwechselten. Die Gefahr gewinnt erst dann wirklich an Bedeutung, wenn einem die beteiligten Menschen nicht gleichgültig sind.
Mit 80 Seiten besitzt Tanaka außerdem einen angenehmen Umfang. Die Geschichte bekommt genügend Raum, ohne unnötig gestreckt zu werden. Das größere Albumformat passt hervorragend zum Material und unterstreicht, dass Cross Cult den Band nicht lediglich als kleines Nebenprodukt zur Hauptserie behandelt.
Für langjährige Leser liegt der besondere Reiz natürlich darin, erneut in die Welt von Gung Ho einzutauchen. Nach dem Ende der ursprünglichen Geschichte hatte ich durchaus das Gefühl, dass dort noch viele Geschichten verborgen liegen. Die Katastrophe hat schließlich eine ganze Welt verändert, während wir bisher nur einen kleinen Teil davon gesehen haben.
Genau hier liegt das Potenzial solcher Ableger. Man muss nicht zwangsläufig die Geschichte von Zack und Archer endlos fortsetzen. Interessanter ist es, Figuren und Orte aufzugreifen, die bislang am Rand standen, und dadurch Stück für Stück ein größeres Bild dieser Welt entstehen zu lassen.
Tanaka zeigt, dass dieses Konzept funktioniert.
Natürlich bleibt der Vergleich mit der Hauptserie unvermeidlich. Wer Gung Ho vor allem wegen Thomas von Kummants außergewöhnlichen Zeichnungen geliebt hat, muss sich zunächst umstellen. Chaiko ist ein anderer Künstler mit einer anderen Handschrift. Nach kurzer Eingewöhnung empfinde ich das aber eher als Stärke. Eine Kopie von Kummants Stil hätte vermutlich immer wie eine Kopie gewirkt. Chaiko macht die Geschichte stattdessen zu seiner eigenen.
Benjamin von Eckartsberg beweist wiederum, dass Gung Ho auch jenseits seiner ursprünglichen Hauptfiguren funktioniert. Die Mischung aus Postapokalypse, Abenteuer, zwischenmenschlichen Konflikten und permanenter Bedrohung ist sofort wieder vorhanden, gleichzeitig erweitert Tanakas Geschichte die bekannte Welt.
Gung Ho – Tanaka ist deshalb für mich mehr als nur ein nachgeschobener Nebenband. Er zeigt, dass das Universum noch längst nicht ausgeschöpft ist. Tanaka erhält endlich mehr Tiefe, und Chaiko findet einen eigenen überzeugenden Zugang zu dieser postapokalyptischen Welt.
Das große Format und die 80 Seiten sorgen zudem für eine schöne Präsentation der Zeichnungen. Wer die ursprüngliche Gung-Ho-Serie mochte, bekommt hier keine bloße Wiederholung, sondern eine sinnvolle Erweiterung.
Und nach diesem Band darf Benjamin von Eckartsberg für meinen Geschmack gerne noch weitere Geschichten aus dieser Welt erzählen. Es gibt offensichtlich noch genügend zu entdecken.
Gung Ho Gesamtausgabe
Autoren: von Eckartsberg, Benjamin
Illustrator: von Kummant, Thomas
Format: 24x32
Seitenanzahl: 432
Einband: Hardcover HC
ISBN: 978-3-98666-852-5
Cross Cult
Mit der „Gung Ho Gesamtausgabe“ legt Cross Cult einen der wichtigsten deutschen Comics der vergangenen zwanzig Jahre endlich in einer hochwertigen Gesamtausgabe vor. Die 432 Seiten vereinen die komplette fünfteilige Saga in einem großformatigen Hardcover und bieten damit die ideale Gelegenheit, diese außergewöhnliche Geschichte, ohne die früheren Veröffentlichungsabstände am Stück zu erleben. Gerade dadurch entfaltet das Werk seine ganze erzählerische Kraft und macht deutlich, warum „Gung Ho“ längst auch international als Meilenstein des europäischen Abenteuer- und Endzeitcomics gilt. ([Cross Cult][1])
Die Handlung spielt in einer nahen Zukunft, nachdem die sogenannte Weiße Plage die Menschheit nahezu ausgelöscht hat. Riesige, tierähnliche Kreaturen – die gefürchteten Reißer – beherrschen die Wildnis, während sich die wenigen Überlebenden hinter massiven Befestigungsanlagen verschanzen. Im Mittelpunkt stehen die Brüder Zack und Archer Goodwoody, die nach dem Tod ihrer Eltern in die abgeschiedene Siedlung Fort Apache gebracht werden. Dort treffen sie auf eine Gesellschaft, deren Überleben nur durch strenge Regeln, Misstrauen und permanente Opferbereitschaft gesichert werden kann.
Was zunächst wie eine klassische Survival-Geschichte wirkt, entwickelt sich schnell zu einer vielschichtigen Erzählung über das Erwachsenwerden unter extremen Bedingungen. Benjamin von Eckartsberg interessiert sich nie ausschließlich für die Bedrohung durch die Monster. Viel spannender sind für ihn die Menschen selbst. Fort Apache funktioniert wie ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft: Jugendliche kämpfen gegen die starren Regeln der Erwachsenen, Macht wird missbraucht, Ängste werden geschürt und persönliche Interessen stehen immer wieder über dem Wohl der Gemeinschaft.
Besonders beeindruckend ist dabei, wie glaubwürdig sämtliche Figuren gezeichnet sind. Es gibt keine eindeutigen Helden oder Schurken. Selbst unsympathische Charaktere handeln meist nachvollziehbar, während vermeintliche Sympathieträger Fehler begehen und an ihren Entscheidungen wachsen oder scheitern. Gerade Archer entwickelt sich zu einer der faszinierendsten Figuren der Serie. Seine Wut, seine Impulsivität und seine Verletzlichkeit machen ihn ebenso glaubwürdig wie Zack, der versucht, zwischen Vernunft und Loyalität den richtigen Weg zu finden.
Die Geschichte lebt außerdem von ihrer enormen emotionalen Intensität. Freundschaften entstehen und zerbrechen, erste Liebe, Eifersucht, Verrat und Verlust gehören ebenso selbstverständlich zum Alltag wie Kämpfe gegen die Reißer. Dadurch bleibt die Spannung über die gesamte Laufzeit außergewöhnlich hoch. Immer wieder wechseln sich ruhige Charaktermomente mit spektakulären Actionsequenzen ab, ohne dass eines das andere verdrängt. Selbst in den ruhigeren Passagen entsteht niemals Langeweile, weil ständig das Gefühl präsent bleibt, dass hinter den Mauern jederzeit der Tod wartet.
Ein weiterer großer Pluspunkt ist der hervorragende Spannungsaufbau. Die Autoren nehmen sich Zeit, ihre Welt Stück für Stück zu entfalten. Statt sämtliche Geheimnisse sofort preiszugeben, werden Hintergründe nur angedeutet und nach und nach entschlüsselt. Dadurch wächst das Interesse des Lesers kontinuierlich, bis sich im letzten Band zahlreiche Handlungsfäden zu einem überzeugenden Finale verbinden.
Mindestens ebenso beeindruckend wie das Szenario ist die grafische Umsetzung von Thomas von Kummant. Seine Zeichnungen gehören ohne Übertreibung zum Besten, was der deutschsprachige Comic hervorgebracht hat. Jede Seite wirkt wie ein aufwendig komponiertes Gemälde. Anatomie, Perspektiven und Mimik erreichen ein Niveau, das problemlos mit den größten internationalen Künstlern mithalten kann.
Besonders spektakulär fallen die Landschaften aus. Verlassene Städte, überwucherte Ruinen und dichte Wälder vermitteln eine Atmosphäre zwischen Schönheit und permanentem Schrecken. Die Natur wirkt gleichzeitig faszinierend und bedrohlich. Auch die Reißer sind hervorragend gestaltet. Sie erscheinen niemals wie gewöhnliche Comic-Monster, sondern besitzen ein glaubwürdiges biologisches Design, das ihre Gefährlichkeit jederzeit spürbar macht.
Ebenso bemerkenswert ist die Farbgestaltung. Von Kummant arbeitet mit einer malerischen Kolorierung, die den Seiten enorme Tiefe verleiht. Warme Sonnenuntergänge wechseln mit kalten Blautönen der Nacht, heftige Regenfälle oder staubige Landschaften erzeugen eine fast filmische Wirkung. Viele Panels erinnern eher an Concept Art großer Kinoproduktionen als an klassische Comiczeichnungen.
Auch inszenatorisch überzeugt das Werk auf ganzer Linie. Die Action bleibt jederzeit übersichtlich, obwohl zahlreiche Figuren beteiligt sind. Kameraperspektiven wechseln dynamisch zwischen Totalen und Nahaufnahmen, wodurch die Kämpfe eine enorme Wucht entwickeln. Gleichzeitig verlieren die emotionalen Momente niemals ihre Wirkung. Gerade in den stillen Szenen beweist von Kummant sein außergewöhnliches Gespür für Körpersprache und Gesichtsausdrücke.
Die Gesamtausgabe selbst wird dem hohen Anspruch der Serie gerecht. Das großformatige Hardcover präsentiert die Zeichnungen in exzellenter Qualität, sodass die zahlreichen Details hervorragend zur Geltung kommen. Die hochwertige Verarbeitung macht den Band nicht nur zu einer praktischen Komplettausgabe, sondern auch zu einem echten Sammlerstück. Wer die Einzelbände bislang verpasst hat oder die Serie in einer besonders edlen Form besitzen möchte, erhält hier die derzeit definitive Ausgabe.
Fazit:
„Gung Ho“ gehört ohne Zweifel zu den größten Erfolgen des modernen deutschen Comics. Benjamin von Eckartsberg verbindet eine intelligente Coming-of-Age-Geschichte mit Survival-Horror, Gesellschaftskritik und packender Endzeit-Action. Thomas von Kummant liefert dazu ein grafisches Meisterwerk, dessen Qualität auch Jahre nach Erscheinen nichts von ihrer Faszination verloren hat. Die Gesamtausgabe macht eindrucksvoll deutlich, dass sich diese Serie keineswegs hinter internationalen Produktionen verstecken muss. Im Gegenteil: „Gung Ho“ ist ein außergewöhnlicher Comic, der erzählerisch wie zeichnerisch internationale Spitzenklasse erreicht und in keiner anspruchsvollen Comicsammlung fehlen sollte.