Jean-Michel Charlier präsentiert
Jean-Michel Charlier präsentiert 1: Brice Bolt
Jean-Michel Charlier präsentiert 1: Brice Bolt
Charlier, Puig
Hardcover, 128 Seiten, farbig
€ 39,00
ISBN 978-3-949987-74-8
Enthält die beiden existierenden Brice Bolt-Geschichten
Zack Edition
Mit Jean-Michel Charlier präsentiert Band 1 öffnet sich ein faszinierendes Fenster zu einem eher unbekannten, fast vergessenen Kapitel im Werk eines der ganz großen Szenaristen der frankobelgischen Comicgeschichte. Brice Bolt ist keine Serie, die je den Ruhm von Blueberry oder Buck Danny erreicht hätte – und genau darin liegt ihr besonderer Reiz. Dieser Band richtet sich klar an Fans, Sammler und historisch interessierte Leser, die tiefer in das kreative Universum von Jean-Michel Charlier eintauchen möchten.
Charlier verstand sich selbst als Erzähler in der Tradition der großen Fortsetzungsromanautoren des 19. Jahrhunderts – Namen wie Eugène Sue oder Alexandre Dumas waren für ihn keine bloßen Referenzen, sondern echtes stilistisches Fundament. Diese Haltung ist Brice Bolt deutlich anzumerken. Die Geschichte ist episodisch aufgebaut, spannungsgetrieben, mit klaren Cliffhangern und einer Handlung, die weniger psychologisch auslotet als vielmehr vorwärtsdrängt.
Gleichzeitig zeigt sich hier auch eine andere Seite Charliers: der experimentierfreudige Autor, der neue Figuren und Genres ausprobierte, ohne dass diese zwangsläufig langfristig etabliert wurden. Brice Bolt entstand in einer Phase intensiver Produktivität, in der Charlier parallel an mehreren Serien arbeitete – nicht jede davon konnte oder sollte ein langfristiger Erfolg werden.
Brice Bolt ist ein Abenteurer alter Schule: entschlossen, physisch präsent, moralisch eindeutig positioniert. Er passt perfekt in das von Charlier bevorzugte Heldenbild – kompetent, handlungsorientiert, kaum von Selbstzweifeln geplagt. Das macht ihn einerseits sympathisch und zugänglich, andererseits aber auch weniger vielschichtig als spätere oder parallel entstandene Figuren wie Mike Blueberry oder Buck Danny.
Gerade hier zeigt sich einer der Schwachpunkte der Geschichten: Brice Bolt bleibt als Charakter schematisch. Seine Motivation ist funktional, seine Persönlichkeit klar umrissen, aber nicht sonderlich vertieft. Für Leser, die moderne Charakterentwicklung oder moralische Ambivalenz erwarten, kann das heute etwas antiquiert wirken. Für Fans klassischer Abenteuerstoffe hingegen ist genau das Teil des Charmes.
Die beiden enthaltenen Geschichten sind straff erzählt und verzichten weitgehend auf narrative Umwege. Charlier setzt auf Tempo, Aktion und stetige Eskalation der Ereignisse. Das funktioniert über weite Strecken sehr gut und sorgt für ein hohes Maß an Lesefluss.
Die Zeichnungen von Puig bewegen sich klar im klassischen Stil der frankobelgischen Abenteuercomics ihrer Zeit. Klare Linien, gut lesbare Actionsequenzen und eine saubere Seitenaufteilung sorgen für Übersichtlichkeit und Dynamik. Besonders die Action- und Bewegungsszenen profitieren von dieser Klarheit und der betont funktionalen Inszenierung.
Häufig kritisiert wurde bereits zur Entstehungszeit die Kolorierung, die stark flächig angelegt ist und vor allem der schnellen Erfassbarkeit diente, dabei jedoch kaum atmosphärische Tiefe oder subtile Lichtstimmungen entwickelt. Aus heutiger Sicht wirkt diese Farbgebung stellenweise grob und deutlich zeitgebunden, besitzt aber zugleich einen eigenen historischen Charme, der Brice Bolt unmissverständlich als Produkt seiner Epoche kennzeichnet.
Allerdings sind auch jenseits der Farbgebung gewisse Einschränkungen sichtbar. Die Figuren wirken teilweise steif, Mimik und Körpersprache bleiben funktional, aber nicht immer ausdrucksstark. Im Vergleich zu den ganz großen Zeichnern, mit denen Charlier sonst zusammenarbeitete, bleibt Brice Bolt visuell etwas unter dem möglichen Niveau
Ein großes Plus des Bandes ist das umfangreiche, reich bebilderte Dossier. Es ordnet Brice Bolt nicht nur in Charliers Gesamtwerk ein, sondern beleuchtet auch den historischen und publizistischen Kontext seiner Entstehung. Seltene Abbildungen, Hintergrundinformationen und redaktionelle Erläuterungen machen deutlich, warum diese Serie heute vor allem aus dokumentarischer Sicht so interessant ist.
Hier erfüllt die Reihe Jean-Michel Charlier präsentiert ihren Anspruch vorbildlich: Sie bewahrt, erklärt und kontextualisiert – statt bloß nachzudrucken. Für Sammler und Fans der „9. Kunst“ ist dieser editorische Mehrwert fast ebenso wichtig wie die Comics selbst.
Im Band 2 von Jean-Michel Charlier präsentiert gibt es „Simba Lee“ die Geschichte eines Großwildjagdführers in Zentralafrika, die es leider auch nur auf zwei Geschichten brachte.